Hellas [2019]

Komm, lass uns eintauchen in die Postkarte –
sie ist nicht kitschig, denn sie spiegelt blos das Licht
wider – jenes Licht, was sich um 02:00 Uhr am Nachmittag
einstellt und uns bis in den Abend zum Sonnenuntergang
mit der karstigen Landschaft versöhnt. Du denkst an die
alte Frau vor der weißen Kirche, im Hintergrund das Blau
der Ägäis.
Dann siehst Du die Apotheke in Georgeopolis, in der 20 Euro
wertlos erscheinen, dafür bekommt man im Kafenion eine ganze Menge mehr.
Du siehst in Gesichter, die desillusioniert sind –
zu stark war der Ruck der Zeit, der alle erfasst hat,
irgendwie ist alles vorbei, und man rettete sich in eine neue Zeit,
in der nun Quality Management dominiert. Wenn man dem Albtraum des abrutschenden goldenen Fließes entronnen ist, erscheint einem jeder Ouzo wie ein kleines Fest.

Der zahnlose Alte sagt die Wahrheiten von tausenden Jahren, und unweigerlich denke ich an Homers Odysee und die Geschichtsschwere, die auch nach einem Glas Wein nicht verfliegt, aber bei genauerem Denken Sinn ergibt.

Die Geschäfte sind heute international – auch der Brunnen in
Heraklion zeugt von der Geschäftigkeit und von neuem Lebensmut.
Was einst weiß-blaue Tsaziki-Glückseligkeit war ist heute “in Style”,
denn auch bis hierher fliegen die Bobos mit den Billig-Fliegern.
Wenn die Wellen an die Brandung schlagen, und die
Musik von Martsakis spielt, dann blickst Du in die Ferne,
und doch bist Du daheim, denn der Blick auf das Meer verzeiht alles:
Bald werden uns die metallischen Schwingen aufgenommen haben,
und unsere Sehnsucht wird bloß ein donnerndes Grollen über
Herkalion sein…

Dazu passt Antonis Martsakis: O syrtos tou Koroni

Kai

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