Der grüne Weg [1993]

Ein alter Mann begab sich morgens auf den grünen Weg in die Berge. Es hieß, man könne in den Bergen Reinheit und Klarheit erlangen, das erzählte schon sein Großvater. Warum grüner Weg? Ein Weg des innigen Verlangens, der Selbstbezogenheit, deshalb grün? Wir sehen Karl, wir er seinen Karstadt-Wanderrucksack packt. Noch schnell ein Laib Brot mitgenommen, ein kurzer Blick auf die DIN-X-Küchenuhr. Los kann’s gehen. Anna, seine liebe Frau, bleibt heute lieber im Bett. Nach der Tafel Schokolade wurde Ihr gestern speiübel. Sie ist ja nicht alleine. Über ihrem furnierten Bett thront ein Bild des Herrgotts! Das einzige Stück, das Anna aus Schlesien herüberretten konnte. Mit metallischem Klicken öffnet Karl die Garage. Er läßt seinen Opel Kadett – silbergrau – an und gewinnt langsam an Fahrt; noch um eine Kurve – so was aber auch – die Ampel ist rot. Der junge Kerl neben Ihm grinst Ihn aus seiner Kutsche an an, “die Jugend”, denkt Karl.
Er fährt zum See, läßt das Fenster langsam runter, hält an und zerreißt einen Leib Brot an die zahlreichen Enten.
Weiter kann’s gehen; da sind wir ja schon. Die Tür fliegt zu, aus dem Gasthaus drängt der gewohnte HB-Zigarettenduft. Der Wilhelm und der Günther sind auch schon da, endlich kann die Skatrunde anfangen. “Lisa, bring uns drei Pils”. Auf den Bierdeckeln steht: “Der grüne Weg”…

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Kai

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