Für den Moment [2018]

Für den Moment schaust Du aus deiner Komfortzone
durch die doppeltverglasten Scheiben in den zweitbesten
Garten des zweitbesten Grundstücks der zweitbesten Stadt.
Im Arm hast Du die zweitbeste Freundin des letzten Abends.
Von den Scheiben rinnen Serpentinen von Wassertropfen, die dich
and Deine Streifzüge in der großen Stadt erinnern.

Der alte Mann sagte:

“Wer will, muss wissen, was er will –
Wer will und nicht kann,
fängt besser nicht an –
Wer will braucht Mut,
denn Wollen heißt auch kämpfen.”

Dein Leben, so scheint es, war der Kampf der Pflugschar
gegen den Boden – nur so konntest Du sicherstellen, dass du
das Getreide auch ernten wirst, für das zweitbeste Brot,
in dem zweitbesten Grundstück in der zweitbesten Stadt.
Um fünf macht Ihr Euch auf in den Moloch, lasst Euch verschlingen
und in der Nacht wieder ausspucken mit einem Funken Fröhlichkeit.

Du sitzt in der U-Bahn und kannst die anderen Gedankenkapseln
förmlich greifen. Wir kommen zusammen für eine kurze Zeit unseres
Lebens, kleben an Scheiben, die Jugendlichen, die Hausfrau, der
Barbesitzer und der Mindestpensionist und können die Klebrigkeit der
Zeit mit den Händen greifen – für den Moment – denn gleich wirft
uns die Haltestelle aus dem Takt der Fahrt und in unser eigenes Dasein zurück.

Oft gehst in Gedanken du durch den Resslpark an einem sonnigen Tag,
und denkst, dass Du entschleunigst, wenn du gehst – eben jenes Gehen, was uns
unseren eigenen gesunden Takt vorgibt – wir meinen dabei, ganz in uns selbst
zu ruhen. Eltern spielen mit Ihren Kindern und die
Sonne hebt den Vitamin D-Pegel derart an, dass wir Pläne für einen
ausgiebigen Urlaub am Mittelmeer machen.

Wir springen heraus aus der Nacht, stürmen in unser Auto
sind fröhlich und lachen, denn das Konzert war ausgiebig.
Die Scheinwerfer malen weiße Balken in die Nacht – Du gähnst.
Für den Moment hat unsere Geschichte gerade erst begonnen.

Anmerkung: Im Autoradio läuft Hedonism von Skunk Anansie

Foto: Pixabay

Kai

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